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Angst erfolgreich coachen

Ängste gehören zum Leben! In einer sich transformierenden Gesellschaft und globalisierten Welt gibt es ausreichend Anlässe für angstvolles Denken. Die aktuelle Corona-Pandemie macht das in ganz besonderem Maße deutlich. Angst erfolgreich zu coachen, bedeutet nicht, Ängste vollkommen zu verlieren. Das Maß macht, wie bei so vielen Dingen, den Unterschied.

Bei der Entstehung von Ängsten wirken viele Komponenten. In diesem Artikel werden ausschließlich die Auswirkungen von negativem Denken auf die Entstehung unverhältnismäßiger Ängste beschrieben. Es gibt einfache und effektive Übungen, mit denen Coaches ihre Klienten dabei unterstützen können, lähmende Ängste zu überwinden.

Neurowissenschaftliche Aspekte

Jeder einzelne ängstliche Gedanke ist eine gewachsene neuronale Verknüpfung. Je öfter ein Klient ängstlich denkt, desto stärker vernetzt sich sein Gehirn in die negative, ängstliche (Denk-)Richtung (Bernhardt, 2016). Dahinter steckt das naturwissenschaftliche Phänomen, dass neuronale Verbindungen den Weg des geringsten Widerstandes wählen, in dem Fall den der gewachsenen Verknüpfung. Dabei unterscheidet das Gehirn nicht zwischen "Angst vor einer Prüfung", "Angst vor gravierenden Veränderungen", "Angst vor Corona" oder gar "Angst vor dem Tod". Die dahinterstehenden neuronalen Mechanismen sind bei der Entstehung all dieser Ängste identisch.

Hier sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass schwere Angststörungen der professionellen Behandlung durch Psychotherapeuten und Psychiater bedürfen! Hier kann Coaching begleitend wertvoll sein, bedarf aber der Abstimmung mit dem behandelnden Arzt bzw. Therapeuten. Leichte bis mittelschwere Ängste können bei entsprechender Qualifizierung durchaus zum Tätigkeitsfeld von Coaches gehören.

Die große Gefahr liegt in der Einseitigkeit und Unverhältnismäßigkeit ängstlichen Denkens. Gepaart mit einem "zu viel Denken, Grübeln und Sorgen" gerät Angst in der Folge zum dominierenden Aspekt der Emotionen. Das "Sich-Sorgen" ist dabei zukunftsgerichtet: Ein Klient schildert diffuse Ängste wie z.B.: "Wenn ich meinen Job verliere, an Corona erkranke, einen Fehler mache ..., dann könnte ... passieren". Diese Ängste sind hochgradig spekulativ.

Im Gegensatz zum "Sich-Sorgen" ist das Grübeln des Klienten vergangenheitsbezogen. Der Klient dreht sich dann gedanklich um verpasste Chancen, Äußerungen, Entscheidungen etc., auf die er keinen Einfluss mehr hat. Häufige Aussagen: "Hätte ich doch bloß nicht ... gesagt/getan/veranlasst, dann wäre jetzt alles besser/einfacher." Problematisch wird es für den Klienten, wenn sein destruktives Denken, Grübeln, negatives Bewerten eine Abwärtsspirale in die Angst zur Folge hat. Denn extrem ungute Gefühle zeigen ihre Wirkung. Der Klient fühlt sich körperlich schlecht. Sein Stimmungsbarometer sinkt. Das schlägt sich auf sein Verhalten nieder. Der Stresspegel steigt. Seine negativen Bilder und inneren Dialoge befeuern eine Kettenreaktion. Neuronal hinterlässt das Spuren. (Hansch, 2017)

Was Coaching bei Ängsten leisten kann

Coaches können ihre Klienten dabei unterstützen, Zusammenhänge zwischen dem eigenen Denken und individuellem Angstempfinden zu verstehen. Das Coaching kann dazu beitragen, dass der Klient die Realitäten, Fakten und Wahrscheinlichkeiten im Verhältnis zu eigenen Emotionen und Gedanken kritisch reflektiert, dysfunktionale Kognitionen identifiziert und absurde Logiken entlarvt. Coaches sollten dissoziierendes und divergentes Denken anregen und den Klienten durch das Einnehmen verschiedener (Meta-)Perspektiven sein ängstliches Agieren "von außen, mit etwas Distanz" betrachten lassen. Dabei geht es um das Fordern und Fördern seiner Entscheidung für eine bewusste Denkhaltung. Sie sollten ihre Klienten dabei unterstützen, den bisher betriebenen Zeit- und Energieaufwand für ängstliches Denken ab sofort für einen optimistischen Spirit zu verwenden.

Bitte stellen Sie sich folgendes Bild vor: Vor Ihrem inneren Auge blicken Sie auf eine rechteckige Rasenfläche. Die Rasenfläche steht in diesem Bild für ängstliches Denken. Der saftig, dunkelgrüne Rasen wurde von Ihnen gut gepflegt, gedüngt, gewässert. Er hat ein dichtes Wurzelwerk und kräftige Grashalme ausgebildet. Stellen Sie sich weiter vor, dass Sie mit einem Rasenmäher diagonal einmal quer über diese saftig-grüne Fläche mähen. Sie erkennen eine deutlich abgegrenzte Diagonale mit kurzem Rasen in frischem Grün. Diese Diagonale gilt im Beispiel als Synonym für einen angstfreien Gedanken, eine zaghafte neue neuronale Verknüpfung.

Wenn Sie nun ihren Rasenmäher wieder wegräumen, Sie die Lust verlieren oder es Ihnen zu anstrengend wird, passiert folgendes: Innerhalb kürzester Zeit wächst der Rasen nach. Verstärkt durch äußere Einflüsse wie einem leichten Landregen und Temperaturen deutlich über null Grad (Stellvertreter für zu viel ängstliches Denken, Informationsflut, panikschürende Berichterstattung .) wächst der Rasen rasant und Sie werden in wenigen Tagen die gemähte Diagonale nicht mehr erkennen. Der Rasen ist nachgewachsen. Genauso, wie Ihr Rasen einen regelmäßigen Schnitt braucht, benötigt neues, angstfreies Denken Übung und Wiederholung.

Eingeübte, ängstliche Denkmuster gilt es zu unterbrechen und Gegenimpulse zu setzen. Die Arbeit mit allen Sinnen hilft, die Kettenreaktion der Angst zu stoppen. Je mehr Sinne und Details mit dem Klienten beim gedanklichen Vorwegnehmen von Angstfreiheit einbezogen werden, desto schneller findet eine neue, positivere, optimistischere neuronale Vernetzung statt.

Die Gedanken, mit denen der Klient einschläft, wirken in den REM-Schlaf-Phasen weiter und bilden auch dann noch neue Synapsen aus (Bernhardt, 2016). Es ist also empfehlenswert, den Klienten zu bitten, mit positiven, optimistischen Gedanken und guten Gefühlen einzuschlafen und sich folgende Fragen zu beantworten: Wie fühlt sich Freude/Angstfreiheit an? Wonach schmeckt Glück/Zufriedenheit? Wie riecht ein Erfolgserlebnis? Damit kann der Klient im Optimalfall ein "neuronales Feuerwerk" auslösen, das sehr bald zu neuen neuronalen Verknüpfungen führt.

Das Erleben von Unsicherheiten und (exzessiven) Ängsten raubt wertvolle Energie. Die selektive und oft negative Wahrnehmung der eigenen Person zerstört wichtiges Selbstbewusstsein. Deshalb sollten Coaches alles dafür tun, das Selbstvertrauen ängstlicher Klienten zu stärken, indem sie den Fokus auf Lebensleistungen, Erfolge und erreichte Ziele richten. Coaches können zu diesem Zweck mit ihren Klienten wertschätzende Selbstäußerungen einüben und sie angstbewältigende Gedanken formulieren lassen. Das Erarbeiten von Perspektiven und Aktivieren positiv-motivationaler Ziele bietet sich ebenfalls an. Individuelle Ressourcen und Handlungsfähigkeiten werden auf diesem Wege verstärkt. Und vor allem: Coaches sollten ihre Klienten darin bestärken, großzügig zu sich selbst zu sein, sich weniger kritisch zu betrachten. Hier sind Coaches als wertvolle, neutrale Feedback-Geber gefragt.

Mit gezielten Interventionen ist es Klienten neuronal möglich, neue, angstfreie Verknüpfungen "anzulegen". Damit können Coaches wesentlich zu einem erfüllteren und zufriedeneren Leben ihrer Klienten beitragen.

Wenn das Thema Angst im Coaching-Prozess verdeckt oder offen eine Rolle spielt, ist es hilfreich, ein Gespür für die Ausprägung vorhandener Ängste zu erlangen. Zum einen ist es für Coaches wichtig, herauszufinden, ob es noch ihr Tätigkeitsfeld ist oder ob sie an einen Therapeuten verweisen müssen. Drei Angstfragebögen zur Einschätzung sind auf http://angst-auskunft.de unter dem Stichwort "Angst-Tests" zu finden. Zum anderen zeigt die Erfahrung: Je länger, stärker und lähmender ängstliche Gedanken sind, desto größer muss der Reiz sein, um die destruktiven Denkmuster zu unterbrechen und umso wichtiger werden Doppel- und Mehrfachinterventionen.

Manchmal erfordert es den ganzen Willen, sich dem Reflex der Angst zu entziehen, ihr nicht nachzugeben und standfest zu bleiben. Das gelingt - gerade in Krisenzeiten wie der aktuellen Corona-Pandemie, aber auch im "normalen Alltag" - mal mehr, mal weniger. Hier können Coaches bereichernde Dienste leisten, indem sie ...

- auf die Wirkmechanismen von Denken und Angst verweisen,

- Ängste thematisieren,

- Selbstbewusstsein stärken und

- eine bewusste Denkhaltung fördern.

Damit das gelingen kann, braucht es vor allem eines: Vertrauen, und zwar ...

- Vertrauen in die Coach-Klient-Beziehung,

- Vertrauen des Klienten in die eigenen Kompetenzen und Möglichkeiten,

- Vertrauen, dass immer irgendwo irgendjemand ist, der hilft und

- Vertrauen, dass wieder bessere Zeiten kommen.

 

Autor: Andrea Gutsfeld

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