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Angstphänomene im Coaching

Angst ist ein unangenehmes Gefühl und so ist es menschlich verständlich, sich möglichst nicht damit auseinanderzusetzen, sondern es auszublenden. Doch nicht jede Angst muss pathologischer Natur sein. Im Gegenteil: Angst empfinden zu können ist eine im Grunde wertzuschätzende Fähigkeit und wirklich gefährlich sind eher die Menschen, die keine Angst empfinden. Als gute "Daumenregel" gilt, dass Ängste dann einer Therapie bedürfen, wenn sie die Selbstmanagementfähigkeiten eines Menschen so stark einschränken, dass die Angst zum bestimmenden Faktor wird. Nicht selten sind Ängste aber auch nur eine natürliche Reaktion auf eine unnatürliche Lebensweise. Nicht jede Angst bedeutet daher automatisch, therapiebedürftig zu sein; oft fehlt nur das Wissen um den adäquaten Umgang mit intensiven Gefühlen.

Ein professionelles Coaching bildet oft den Rahmen dafür, das bisher Unausgesprochene thematisieren zu können. Dazu gehört zuweilen auch das Thema Angst. Auch wenn viele Manager nach außen hin den Eindruck von Stärke vermitteln (müssen), spielt sich in ihrer inneren Gefühlswelt oft einiges ab, das sowohl zum persönlichen Nutzen als auch zum Nutzen des Unternehmens reflektiert werden kann. Typische Ängste im Management sind:

Existenzangst
Obwohl es für Außenstehende teilweise schwer nachzuvollziehen ist, ist die Angst, ins Nichts zu fallen und materiell zu verarmen, auch im Management weit verbreitet. Zunehmender materieller Besitz schützt nicht vor dieser Angst. Eher das Gegenteil ist der Fall: Wer viel besitzt, kann viel verlieren. Im Coaching wird dies besonders deutlich, wenn Klienten mit entsprechender Angst über die Zeit berichten, in der sie sich frei gefühlt haben: Oft war dies eine Phase in der Jugend bzw. im jungen Erwachsenenalter, in der sie "nichts zu verlieren hatten".

Angst vor Versagen, Unsicherheit, Hilflosigkeit
Diese Ängste sind häufig, weil z.B. gerade im Top-Management die Steuerungsmöglichkeiten oft nicht so groß sind, wie häufig angenommen wird. Meistens werden Manager in diesen Positionen mehr von Sachzwängen gesteuert, als dass sie selbst gestalten können. Die enorme Diskrepanz zwischen der Außenwahrnehmung als "Macher", die vom umgebenden System zu häufig klar erwartet wird, und der Ohnmacht erlebenden Innenwelt kann zu einer regelrechten "Gefühlsachterbahn" werden.

Angst vor Macht- und Statusverlust
Zu diesen Ängsten gehört auch die Angst vor sozialem Abstieg und Ausgrenzung. Auch hier gilt: Je mehr man zu verlieren hat, desto größer die Angst, dass es geschieht. Wer einen hohen Status erreicht hat, kann tief fallen. Hinzu kommt, dass Macht oft nicht der Rolle bzw. Funktion zugeschrieben wird, sondern vom Manager fälschlicherweise mit der eigenen Person in Verbindung gebracht wird. Verliert man dann seine Funktion, gerät das eigene Selbstbild ins Wanken. Hier können massive Ängste entstehen, die im Coaching nicht mehr bearbeitbar sind, sondern der Therapie bedürfen.

Angst vor mangelnder Anerkennung
Diese Angst ist ebenfalls sozialer Natur und geht oft mit Frustration einher. Wer sich selbst nicht genügend anerkannt fühlt, hat meist nicht die Fähigkeit entwickelt, sich selbst Bestätigung geben zu können und eigene Leistungen entsprechend anzuerkennen. Im Ergebnis kann dann eine Angst davor entstehen, von anderen Menschen nicht genügend Anerkennung zu bekommen. Um dies dennoch zu gewährleisten wird oftmals die Leistung erhöht, was zu enormem Druck führen kann. Im schlimmsten Fall entsteht ein Teufelskreis an dessen Ende ein Zusammenbruch steht.

Angst vor Einsamkeit
Das Ertragen von Einsamkeit und auch die Angst davor steigt mit zunehmender Hierarchiehöhe an. Nicht ohne Grund hieß einer der ersten Coaching-Artikel im Manager Magazin "Oben, aber allein." Führung ist ein "Schlechtwetterberuf", d.h. er beinhaltet immer die Notwendigkeit, schwierige und unangenehme Entscheidungen treffen zu müssen - und mit der Konsequenz daraus zu leben. Dies geht nahezu immer mit Gefühlen von Einsamkeit einher. Wer hier zu starke Ängste entwickelt und in der Folge keine notwendigen Entscheidungen treffen kann, benötigt einen Ausgleich oder wird in der Führung scheitern.

Angst vor ausufernder Komplexität
Die mit extremer Geschwindigkeit voranschreitende Entwicklung der Computer- und Informationstechnologie und die globale Vernetzung der Wirtschaft lassen die Komplexität immer weiter steigen. Viele Manager berichten unter vier Augen, dass diese Komplexität im Grunde kaum noch bewältigt werden kann. Das Mobiltelefon ist nicht nur eine "digitale Hundeleine" geworden, sondern als Smartphone zum Abbild ausufernder Komplexität. Die Angst, diese Geschwindigkeit auf Dauer nicht mithalten zu können, nimmt zu.

Allgemeine Zukunftsangst
Vor dem Hintergrund diverser Krisen und den Umwälzungen der letzten 20 Jahre hat sich bei vielen Menschen eine regelrechte Angst vor der Zukunft entwickelt. Neben Technologie- und Innovationsfeindlichkeit sind auch persönliche Unzufriedenheit und Pessimismus ein Kennzeichen dieser Angst. So wird aus der Angst eine Lebenseinstellung, die Motivation und Lebensfreude untergräbt und somit die wesentlichen Eckpfeiler von Erfolg und sinnvollem Leben ins Wanken bringt.

Angst vor Selbstwertverlust
Die Angst vor einem Selbstwertverlust ist ähnlich der Angst um den Status, richtet sich nur mehr nach innen. Hier fällt es Betroffenen zunehmend schwer, in dem eigenen Handeln und der eigenen Person einen Wert zu erkennen. Neben Wertekonflikten können hier auch andere Gefühle wie das Erleben von Ausgrenzung und mangelnder Anerkennung ursächlich sein.

Angst vor Bedeutungslosigkeit
Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit ist im Grunde die Angst vor der Sinnlosigkeit. Im Sinne von Viktor Frankl kann dies bis zu einer "noogenen Neurose" reichen, also dem Leiden am sinnlosen Leben. Wer in seiner Arbeit und/oder in seinem Leben keinen Sinn mehr zu erkennen vermag, gerät oft in einen unglücklichen Kreislauf des Grübelns. Im Gegensatz zu einer ergebnisorientierten Reflexion endet das Grübeln jedoch nicht mit einem Ergebnis, sondern ist ein das Problem verstärkendes Element. Hier benötigt man einen erfahrenen Gesprächspartner, um wieder einen Sinn zu entdecken.

Abgesehen von dem persönlichen Leiden der Betroffenen wird das Thema Angst noch problematischer, wenn Manager ihre - unterdrückten und verdrängten - Ängste an die Mitarbeiter weitergeben. Oder noch schlimmer: Wenn Manager mit Angst führen, d.h. bewusst Menschen über Einschüchterung verunsichern, um sie manipulieren zu können. Wer jedoch gezielt Ängste schürt, um Mitarbeiter zu manipulieren, ist eine schlechte Führungskraft und untergräbt jede humanistische Führungskultur.

Ängste von Managern und Mitarbeitern können aber auch eine "psychologische Symbiose" bilden. Dies muss man sich so vorstellen, dass eine auf Angstabwehr ausgerichtete Scheinstärke von Managern auf die Sicherheits- und Stärkeerwartung von Mitarbeitern trifft (Bröckermann, 1989). Im Ergebnis entsteht ein Kreislauf, der von dem System selbst kaum reflektiert, geschweige denn durchbrochen werden kann. Hier bedarf es eines äußeren Reflexionsbogens - was die Sinnhaftigkeit eines Coachings deutlich macht. Denn gerade in der Bearbeitung von Angstphänomenen liegt ein häufig ungenutzter Ansatz der Leistungsentfaltung, die mit einer positiven persönlichen Entwicklung einhergehen kann und keinen Widerspruch dazu darstellt.

Quelle: Christopher Rauen

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